Mein lieber Herr Gemünden …

In seinem wöchentlichen Weckruf in der Allgemeinen Zeitung arbeitet Kabarettist Lars Reichow das aktuelle Geschehen in Mainz humoristisch auf. Am 26.09.2015 widmete er sich unter dem Titel „Mein lieber Herr Gemünden…“ dem Verkauf des Deutsche Bank-Gebäudes, das die J. Molitor Immobilien gemeinsam mit der Sparkasse Rhein-Nahe erworben hat. Credo: „Gut gebrüllt, einheimischer Baulöwe“…

MAINZ -

Guten Morgen, allerseits! Was sich nicht alles tut in unserer Stadt. Der Herbst bringt Bewegung in die Akte Ludwigsstraße. Der flotte Otto zieht zurück, vom großen Shopping-Block bleibt nicht mehr viel übrig. Und das ist nun rausgekommen nach dem jahrelangen Immobilien-Schach? Ein Hauch von Verarschung liegt über der Lu. Otto kreißte und gebar eine Maus. Tja, wenn sich mal so ne kleine rheinhessische Domstadt verbündet gegen einen Hamburger Milliardär ... Ich denke, wir haben den Kampf gewonnen! Naja, wenn die Episode so in die Geschichte eingeht, dann können wir alle damit zufrieden sein. Vom Gefühl her haben wir gewonnen. Am Ende sind doch alle erleichtert, dass der politisch instinkt- und ideenlose Aufmarsch der Otto-Gesandten in die Hose gegangen ist.

Gut gebrüllt, einheimischer Baulöwe. Lieber Herr Gemünden, jetzt müssen Ingelheim und Mainz aber ganz eng zusammenrücken. Ich weiß, die Mainzer Lu zu gestalten, das heißt von Ingelheim lernen! Und Sie wissen, was wir von Ihnen erwarten: ein Jahrhundert-Bauwerk! Etwas ganz Besonderes. Bedenken Sie, dass Sie in der Herzkammer von Mainz operieren. Unter den strengen und scharfen Augen von einer Viertelmillion* Menschen. Sie ahnen, was jetzt kommen muss: ein Mix aus Weltläufigkeit und Bodenständigkeit. Die ganz kleine, aber doch irgendwie ziemlich große Lösung! Flach hervorspringende Pavillons mit 20 Stockwerken!

Mein Tipp: ein Tabak-Laden in den linken Pavillon, ein Weinprobierstübchen in den rechten. Und in die Mitte ein Verkleidungsgeschäft. Punkt!

Aber: Was machen wir mit Karstadt? Naja, man könnte es CAR-Stadt nennen. Ich kenne ein Unternehmen, das demnächst unheimlich viele Diesel-Fahrzeuge übrig hat. Dafür verwenden wir das Parkhaus in der „Eppichmauergasse“. Komischer Straßenname, können Sie da nicht bei der Gelegenheit ein T vorne dranbauen? Dringend brauchen wir wegen der zunehmenden Inkontinenz vor dem Theater eine große, öffentliche Toilette. Da könnte draufstehen „Lulu“. („Ich mach Lulu auf der Lu – und was machst du?“ – Kann man vertonen, muss man nicht ...)

Man muss auch nicht immer alles vollstellen. Mehr Mut zur Baulücke, Herr Gemünden: einfach mal einen ordentlichen Aufmarschplatz für die Garden zuschneiden. Bessunger Schüttung, den großen Kübel! Sie wissen schon.

Und achten Sie bitte auf die Blickachse zum Dom. Der Dom sollte auch für Kinder von der Rutsche im Untergeschoss vom Schuhhaus Fink noch gut sichtbar sein.

Herr Gemünden, Sie haben doch einen Plan, oder? Sonst nehmen Sie meinen.

Ich verlass’ mich auf Sie. Immer, wenn es in Mainz etwas Großes zu gestalten gab, dann traten Sie plötzlich auf die Lichtung und haben diese Lichtung am Ende zugebaut. Aus mancher Brache haben Sie noch was gezaubert. Zugegeben, nicht alle Bauwerke waren von der gleichen opaken Leichtigkeit und Eleganz wie die Aareal-Bank, die von dem genialen Architekten Michael Schneberger geplant wurde.

Hier kommen meine Vorschläge für die Umzugs-Rochade: Malu Dreyer geht mit der Staatskanzlei ins KUZ (Die schreit auch nicht so rum!). Das KUZ kommt in die Eisdiele. Die ist schnell ausgeräumt und im Winter läuft da eh nix. Der Kardinal geht ins Hilton. Der Stadtschreiber ins Hyatt. Dann könnte man das Rathaus als Schloss nutzen und den Bitsch-Keller als Kongress-Zentrum.

Michael Ebling wird Rotweinkönig in Ingelheim, Boehringer forscht im Weinhaus Bluhm mit Kopfschmerztabletten, Gemünden fusioniert mit Karrié und Julia Klöckner mit dem Islam.

Und dann wünsche ich mir noch eine Dependance des Gutenberg-Museums in der Fust-Straße. Johannes Fust, ehemaliger Geschäftspartner von Gutenberg. Der hat sich damals an der Druckerwerkstatt beteiligt **.

Und ganz, ganz viele bewegliche Pappeln!!!

Das sind nur meine bescheidenen Vorschläge für die Bebauung, es kommen ja noch 249 999 dazu. Aber Sie schaffen das, Herr Gemünden. Wer, wenn nicht Sie!

* Ich hab einfach mal Budenheim und Wackernheim dazugerechnet.

** Ging leider schief und endete vor Gericht.

 

Der Autor ist Kabarettist (und bekennender Mainzer).

Zum Artikel der Allgemeinen Zeitung vom 26.09.2015

 

Lars Reichow,  Kabarettist www.larsreichow.de

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Bildnachweis: Mario Andreya